MiEGA – Moleküle im Energiesystem

MiEGA – Moleküle im Energiesystem

Dr. Georg Stamatelopoulos im Miega Interview

Dr. Georg Stamatelopoulos, Vorstandsvorsitzender der EnBW

4 Fragen an...

Dr. Stamatelopoulos, Vorstandsvorsitzender der EnBW

Dr. Georg Stamatelopoulos ist seit März 2024 Vorstandsvorsitzender der EnBW. Bereits seit 2021 gehört er dem Vorstand des Energieunternehmens an und verantwortete zunächst die nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur. Heute ist er unter anderem für Strategie, Nachhaltigkeit, Innovation, Digitalisierung und Transformation sowie Kommunikation und Politik zuständig. Im Interview spricht er über die Zukunft der Energieversorgung und die Herausforderungen der Energiewende.

Herr Dr. Stamatelopoulos, EnBW deckt als integriertes Energieunternehmen die gesamte energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette ab – von erneuerbarer und disponibler Erzeugung über Handel und Netzinfrastruktur bis hin zu Vertrieb und Elektromobilität. Wie verändert sich aus Ihrer Sicht die Rolle eines solchen integrierten Energieunternehmens im Zuge der Transformation des Energiesystems?

„ Zunächst ist unsere integrierte Aufstellung ein großer Vorteil, denn wir haben dadurch eine ganzheitliche Perspektive, aus der wir die Wechselwirkungen zwischen Erzeugung, Transport und Verbrauch sehr gut verstehen. Daher sehen wir: Wir brauchen jetzt eine zweite Stufe der Energiewende, wo der Fokus nicht mehr nur auf dem Ausbau der Erneuerbaren liegt, sondern wir die Wechselwirkungen im gesamten System, also zwischen Erzeugung, Transport und Vertrieb – etwa neue Formen der Wärmebereitstellung oder Mobilität – in den Blick nehmen müssen; und das vor allem auch unter dem Gesichtspunkt der Strombedarfsentwicklung insgesamt. Wie lassen sich die Erneuerbaren optimal in das Netz integrieren und wie lassen sich Erneuerbaren-Ausbau und Netzausbau optimal synchronisieren? Wie und in welchem Umfang kann der Verbrauch entlang des Stromangebots intelligent und flexibel gesteuert werden, ohne Produktivitäts- oder Komforteinbußen beim Kunden zu haben? Und mit welchen Technologien sichern wir die Versorgung, wenn wir weder aus Wind noch aus Sonne Strom produzieren können? Wir brauchen also einen gesamthaften Blick. Wenn wir die Transformation der Energieversorgung nicht anhand dieser Systemkosten optimieren, lasten wir den Kunden vermeidbare Kosten auf. Als integriertes Unternehmen haben wir dies bereits im Blick; und wir spüren auch, dass unsere Expertise deswegen gefragt ist.“

Welche Bedeutung haben dabei der weitere Ausbau erneuerbarer Energien, der Umbau des Kraftwerksparks und flexible Erzeugungskapazitäten für die Versorgungssicherheit? Welche Rolle spielt Gas im Gesamtsystem, und wie können seine Eigenschaften gezielt genutzt werden?

„Was die Erzeugung angeht, haben auch wir selber eine gewaltige Transformation hinter uns, bei der sicher der Ausbau der Erzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien eine herausragende Rolle gespielt hat. Erst im vergangenen Jahr konnten wir einen Rekordzubau bei der Erneuerbaren-Kapazität feiern, und auch dieses Jahr wird wieder sehr gut – unter anderem wurde mit He Dreiht Deutschlands größter Offshore-Windpark in Betrieb genommen. Klar ist aber auch: wir brauchen flexibel zuschaltbare Kapazität für die sogenannte „Dunkelflaute“, wenn wir aus erneuerbaren Quellen keinen Strom produzieren können. Ohne einen bestimmten Mindestsockel an thermischen Kraftwerken – das zeigen auch unsere Analysen sehr klar – wird es nicht gehen, weil Batterien nur begrenzte Zeit ausspeichern können. Zwischen Batterien und thermischen Kraftwerken gibt es also kein „Entweder-Oder“ – vielmehr ergänzen sie sich gegenseitig. Auch wir investieren massiv in Speicher. Neben diesen setzen wir aber vor allem auf Gaskraftwerke, die wir H2-ready bauen, so dass sie perspektivisch CO2-neutral betrieben werden können. Wir müssen also auch die Gas-Infrastruktur pflegen; und wir engagieren uns dafür, eine Lieferkette für den Import von grünem Wasserstoff nach Deutschland aufzubauen.

„Was die Erzeugung angeht, haben auch wir selber eine gewaltige Transformation hinter uns, bei der sicher der Ausbau der Erzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien eine herausragende Rolle gespielt hat.“

Die Energie- und Mobilitätswende erfordert erhebliche Investitionen – von Erzeugungsanlagen über Transport- und Verteilnetze bis hin zu Ladeinfrastruktur und digitalen Lösungen. Welche regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, damit Unternehmen wie EnBW diese langfristigen Investitionen mit ausreichender Planungs- und Investitionssicherheit umsetzen können? Welche Bedeutung haben dabei aktuelle gesetzgeberische Entwicklungen?

„Was die regulatorischen Rahmenbedingungen angeht, sind wir derzeit in der Tat in einer entscheidenden Phase. Ich kann mich nicht erinnern, dass es je zuvor so viele Gesetzesvorhaben in der Pipeline gab. Da wir in allen Bestandteilen der Energie-Wertschöpfungskette aktiv sind, sind sie alle relevant für uns – das StromVKG für die schon erwähnte flexible Kapazität, das Netzpaket für die Synchronisierung von Netzausbau und Ausbau der Erneuerbaren; das WindSee-Gesetz für Offshore; das EEG unter anderem für den Onshore-Wind. Vergessen wir auch nicht die gesetzlichen Regelungen zur Sicherheit unserer kritischen Infrastruktur. Die EnBW ist in einer Phase hoher Investitionen. Bis zu 50 Milliarden Euro investieren wir bis 2030, denn wir wollen, dass der Umbau des deutschen Energiesystems ein Erfolg wird. Und ohne bei jedem Vorhaben ins Detail zu gehen, wünschen wir uns stabile Rahmenbedingungen, in denen wir diese Investitionen wirtschaftlich tätigen können. Was mir allerdings schon auffällt: Viele der genannten Regelungen haben eine enorm hohe Komplexität – wenn ich etwa an das StromVKG denke, das ursprünglich als Instrument zur Beschaffung gesicherter Leistung gedacht war und nun noch zu einer Art Vehikel für die Momentanreservebeschaffung geworden ist. Man fragt sich, ob uns mehr Einfachheit hier guttun würde.“

Der Umbau des Energiesystems betrifft nicht nur die Energieunternehmen, sondern auch Kommunen, Industrie und Verbraucher. Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien, dem schrittweisen Rückgang konventioneller Erzeugung und dem Ausbau der Infrastruktur verändert sich das Zusammenspiel der Akteure. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und Chancen, damit Versorgungssicherheit, Klimaziele und Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam er-reicht werden können?

„Aktuell beobachte ich, dass von den Kriterien, die Sie nennen, insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit in den Vordergrund tritt: Haben wir Energie zu Preisen, bei denen der Standort Deutschland international bestehen kann? Für uns ist dieser Aspekt nicht neu; wir achten seit jeher auf den Dreiklang von Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit und Klimafreundlichkeit geachtet. Deswegen haben wir auch schon vor einiger Zeit in einer Systemkostenstudie Wege und Mittel aufgezeigt, mit denen wir die Systemkosten des transformierten Energiesystems um bis zu 700 Milliarden Euro reduzieren können. Was das Zusammenspiel der Akteure angeht, sind wir als integriertes Unternehmen wiederum in einer sehr guten Position, denn wir arbeiten mit allen diesen Akteuren zusammen. Wir kennen die Themen im Vertrieb, wir kennen als lokal stark verwurzeltes Unternehmen aber auch die Anliegen der Kommunen. Genauso wie wir große Offshore- und Kraftwerksprojekte verwirklichen, und erfolgreich im Handel agieren. Bei uns im Unternehmen bringen wir die unterschiedlichen Interessen immer gut zusammen; und ich glaube das kann uns in Deutschland insgesamt auch gelingen.“

 Foto: © EnBW

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