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Seit Ende 2024 ist Birte Sönnichsen Ansprechpartnerin für Marktgestaltung Wasserstoff beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). In einer Phase, in der die Energiewende in eine neue, dynamische Umsetzungsphase tritt, begleitet sie den Aufbau eines zukunftsfähigen Wasserstoffmarktes. Im Interview spricht sie über zentrale Elemente der Marktgestaltung, die Bedeutung einer tragfähigen Infrastruktur und warum der Moment günstig ist, um mit klugen Entscheidungen die Wasserstoffwirtschaft in Deutschland nachhaltig zu stärken.
Was sind aus Sicht der Marktgestaltung die zentralen Voraussetzungen für einen funktionierenden Wasserstoffmarkt – und wo stehen wir heute?
„Ein funktionierender Wasserstoffmarkt braucht vor allem verlässliche und ausreichende Investitionssicherheit, praxistaugliche Regulierung, transparente Marktregeln und einen diskriminierungsfreien Netzzugang. Gerade in einem sich bildenden Markt ist es wichtig, einen Ordnungsrahmen zu schaffen, der Wettbewerb ermöglicht und gleichzeitig genügend Flexibilität für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle lässt. 2026 sind wir dabei bereits deutlich weiter als noch vor einigen Jahren. Mit dem genehmigten Wasserstoff-Kernnetz und der zunehmenden Konkretisierung der Netzentgelt- und Zugangsregulierung entstehen wichtige Voraussetzungen für einen wettbewerblichen Markt. Gleichzeitig zeigt sich, dass der Hochlauf langsamer und selektiver verläuft als ursprünglich erwartet. Für die Marktgestaltung bedeutet das: Wir müssen die Rahmenbedingungen so weiterentwickeln, dass Angebot und Nachfrage tatsächlich zusammenfinden und Investitionen in Erzeugung, Infrastruktur und Verbrauch wirtschaftlich werden.“
Wie kann es gelingen, Angebot und Nachfrage auf dem Wasserstoffmarkt zusammenzubringen und Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu ermöglichen?
„Eine der zentralen Herausforderungen beim Markthochlauf von Wasserstoff ist, Angebot und Nachfrage wettbewerbsfähig und gleichzeitig zusammenzubringen. Erzeuger und Importeure benötigen langfristige Absatzperspektiven, während industrielle Abnehmer wettbewerbsfähige Preise und Versorgungssicherheit für ihre eigenen Investitionsentscheidungen brauchen. Alle Akteure, inklusive der Infrasturkturbetreiber brauchen zudem verlässliche Rahmenbedingungen, um langfristige Planungs- und Investitionssicherheit zu erhalten. Die Marktgestaltung muss deshalb vor allem dazu beitragen, dass alle Stufen einer diversen Wertschöpfungskette zusammenfinden und Investitionen – von Erzeugung und Import über Transport und Speicherung bis hin zum Verbrauch – aufeinander abgestimmt werden können. Dabei ist insbesondere die Preisfrage entscheidend: Wasserstoff muss für Abnehmer wirtschaftlich darstellbar sein – vor allem im internationalen Wettbewerb – und gleichzeitig ausreichend attraktive Perspektiven für Erzeuger, Importeure und Infrastrukturbetreiber bieten. Dafür braucht es praxistaugliche Regulatorik und Regulierung, verlässliche Signale zu zukünftigen Mengen, Bedarfen und Preisen sowie Rahmenbedingungen, die Risiken zwischen den verschiedenen Akteuren angemessen verteilen. Gleichzeitig sollte der Markt genügend Flexibilität behalten, damit sich unterschiedliche Geschäftsmodelle und Lieferketten entwickeln können. Gerade in dieser frühen Marktphase gilt daher: Es braucht klare und verlässliche Regeln, ohne die weitere Marktentwicklung durch zu starre Vorgaben vorwegzunehmen.“
„Ein funktionierender Wasserstoffmarkt braucht vor allem verlässliche und ausreichende Investitionssicherheit, praxistaugliche Regulierung, transparente Marktregeln und einen diskriminierungsfreien Netzzugang.“
- Welche Rolle spielt dabei die Regulierung der Wasserstoffnetze?
„Die Wasserstoffnetze sind ein wichtiger Baustein für einen funktionierenden Wasserstoffmarkt, weil sie Erzeuger, Importeure, Speicher und Verbraucher miteinander verbinden und damit die Grundlage für verlässliche Lieferketten schaffen. Entscheidend ist deshalb, dass Wasserstoffnetze transparent, diskriminierungsfrei und möglichst effizient genutzt und weiterentwickelt werden können. Mit dem Wasserstoff-Kernnetz wurde hierfür eine wichtige Grundlage geschaffen. Nun kommt es darauf an, die weitere Netzentwicklung eng am tatsächlichen und absehbaren Bedarf auszurichten und gleichzeitig langfristige Perspektiven für Investitionen zu ermöglichen. Dabei darf der Blick nicht auf das Kernnetz beschränkt bleiben. Für einen funktionierenden Wasserstoffmarkt braucht es neben den Fernleitungsnetzen auch die Verteilnetzebene, ausreichende Wasserstoffspeicher sowie geeignete Importinfrastrukturen. Dazu gehören insbesondere Importterminals und Leitungsstrukturen für den innereuropäischen Transport und Import von Wasserstoff. Für Speicher und weitere Infrastrukturen müssen zudem geeignete Finanzierungs- und Regulierungsrahmen geschaffen werden. Aus Sicht der Marktgestaltung kommt es daher darauf an, Infrastrukturentwicklung, Importe, Speicher und Nachfrage stärker zusammenzudenken. Ziel muss ein Infrastrukturrahmen sein, der Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette ermöglicht und den Markthochlauf unterstützt – ohne selbst zum Engpass für Wettbewerb und wettbewerbsfähige Wasserstoffpreise zu werden.“
- Was macht Sie mit Blick auf die weitere Entwicklung des Wasserstoffmarktes optimistisch?
„Mich stimmt optimistisch, dass wir inzwischen nicht mehr nur über die grundsätzlichen Voraussetzungen eines Wasserstoffmarktes sprechen, sondern über konkrete Marktregeln, Netze und Geschäftsmodelle. Viele Unternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht, große Investitionen getätigt und unternehmerischen Mut bewiesen und zeigen in ersten Großprojekten, wie wie Wasserstoffwirtschaft künftig aussehen kann. Einige weitere industrielle Projekte sind im Bau. Der regulatorische Rahmen wird zunehmend konkret – wenn auch an einigen Stellen wie bereits betont erheblicher Nachbesserungsbedarf vorhanden ist -, die Infrastruktur wird aufgebaut und Unternehmen sammeln praktische Erfahrungen. Die Aufgabe der Marktgestaltung ist nun, daraus einen funktionierenden Wettbewerb im Einklang mit dem bestehenden, sich transformierenden Energiesystems zu entwickeln. Wenn es gelingt, verlässliche Rahmenbedingungen mit einem offenen und effizienten Marktzugang zu verbinden, kann Wasserstoff schrittweise seine Funktionen der Sektorenkopplung entfalten und zu einem etablierten Bestandteil des Energiesystems werden. Dabei geht es aus meiner Sicht nicht darum, einen fertigen Markt am Reißbrett zu entwerfen. Wir müssen die richtigen Rahmenbedingungen setzen, damit sich ein wettbewerblicher Markt entwickeln kann.“
Illustration: André Gottschalk