MiEGA – Moleküle im Energiesystem

MiEGA – Moleküle im Energiesystem

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender der EWE im Interview

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender der EWE

4 Fragen an...

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender der EWE

Seit einigen Jahren steht die EWE AG für den Wandel vom klassischen Energieversorger hin zu einem integrierten Energie- und Infrastrukturunternehmen. Themen wie Energiewende, Digitalisierung und der Ausbau zukunftsfähiger Netze prägen dabei die strategische Entwicklung des Unternehmens. Vor diesem Hintergrund beantwortet Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender der EWE, Fragen zur strategischen Ausrichtung des Unternehmens und zu den Prioritäten für die kommenden Jahre.

Herr Dohler, Sie stehen seit einigen Jahren an der Spitze von EWE und gestalten damit maßgeblich die Entwicklung eines breiten Energie- und Infrastrukturunternehmens. Wie würden Sie die strategische Ausrichtung von EWE aktuell beschreiben – und welche Prioritäten setzen Sie für die Zukunft?

„EWE entwickelt sich konsequent als integriertes Energie- und Infrastrukturunternehmen weiter, das die Transformation hin zu Klimaneutralität und Digitalisierung aktiv gestaltet. Unser Fokus liegt darauf, die Energieversorgung nachhaltiger, widerstandsfähiger und regional stärker verankert aufzustellen. Dafür investieren wir massiv in Zukunftsinfrastrukturen für die nächsten Generationen. Allein 2025 haben wir mehr als 1,6 Milliarden Euro in strategische Wachstumsfelder wie Windenergie, Stromnetze und Wasserstoff investiert – und damit unsere Investitionen im Vergleich zum langjährigen Mittel verdreifacht. Diese Investitionen stärken nicht nur die Energieversorgung, sondern schaffen auch wirtschaftliche Perspektiven für den Nordwesten.

Für die kommenden Jahre bleibt entscheidend, den Ausbau erneuerbarer Energien mit Netzen, Speichern und digitalen Lösungen intelligent zu verbinden. Denn die Energiewende wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir das Energiesystem als Ganzes weiterentwickeln.“

Die Energieversorgung in Deutschland und Europa steht vor vielfältigen Herausforderungen – von Versorgungssicherheit bis zur Integration erneuerbarer Energien. Welche Lehren haben Sie aus den jüngsten Marktveränderungen gezogen – und wie beeinflussen diese Erfahrungen Ihre Entscheidungen heute?

„Die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie wichtig eine von externen Schocksunabhängige und resiliente Energieversorgung ist. Es geht dabei um Souveränität, nicht Autarkie. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist längst nicht mehr nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern auch der wirtschaftlichen und strategischen Sicherheit. Unsere Erfahrung ist: Wir verfügen heute über die Technologien, um fossile Importabhängigkeiten deutlich zu reduzieren. Entscheidend ist nun, diese Technologien konsequent einzusetzen und besser miteinander zu verzahnen. Deshalb investieren wir gezielt in erneuerbare Erzeugung, moderne Stromnetze, Speicher und Flexibilitätslösungen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Energiewende nur mit einem stärkeren Systemblick gelingt. Es reicht nicht, einzelne Bereiche isoliert zu optimieren – Erzeugung, Infrastruktur und Verbrauch müssen deutlich stärker und in einem europäischen Zusammenhang gedacht und entwickelt werden.

„Der Ausbau erneuerbarer Energien ist längst nicht mehr nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern auch der wirtschaftlichen und strategischen Sicherheit.“

EWE engagiert sich in verschiedenen Zukunftstechnologien, etwa in den Bereichen erneuerbare Energien, digitale Netze und grüne Gase. Welche dieser Technologien sind für Sie besonders wichtig – und wie sehen Sie ihre Rolle für die Transformation der Energieversorgung?

„Erneuerbare Energien bleiben die Grundlage der Transformation, da sie die primäre Energiequelle für rohstoffarme Länder wie Deutschland sind. Gerade die Windenergie spielt im Nordwesten eine zentrale Rolle. Gleichzeitig braucht ein Energiesystem mit hohem Anteil erneuerbarer Energien deutlich mehr Flexibilität und intelligente Steuerung. Deshalb gewinnen moderne Stromnetze, Speichertechnologien und digitale Infrastruktur zunehmend an Bedeutung. Besonders wichtig ist für uns außerdem Wasserstoff. Mit Projekten wie dem Elektrolyseur in Emden schaffen wir die Voraussetzungen für den Aufbau einer norddeutschen Wasserstoffwirtschaft. Grüner Wasserstoff wird vor allem für industrielle Anwendungen und als langfristige Speicherlösung unverzichtbar sein. Am Ende geht es jedoch nicht um einzelne Technologien, sondern um ihr Zusammenspiel. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, erneuerbare Erzeugungskapazitäten intelligent in das Gesamtsystem zu integrieren.“

Neben der unternehmerischen Perspektive gewinnt die Energiepolitik zunehmend an Einfluss – sei es beim Netzausbau, bei Regulierungsfragen oder bei klimapolitischen Zielen. Welche politischen Rahmenbedingungen halten Sie für entscheidend, damit die Energiewende erfolgreich umgesetzt werden kann?

„Auch hier gilt es, den Blick auf das Gesamtsystem zu haben und auf das volkswirtschaftliche Optimum zu zielen. Die Energiewende braucht vor allem verlässliche und pragmatische Rahmenbedingungen. Unternehmen investieren nur dann langfristig in Infrastruktur, wenn politische Ziele stabil und regulatorische Vorgaben planbar sind. Kapital folgt Klarheit.

Gerade beim Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft sehen wir noch erheblichen Handlungsbedarf – etwa bei europäischen Regelungen für den Strombezug grüner Wasserstoffanlagen. Gleichzeitig müssen Genehmigungs- und Abstimmungsprozesse deutlich schneller und effizienter werden. Wichtig ist außerdem eine bessere Koordination zwischen Politik, Regulierung und Infrastrukturplanung. Die Energiewende wird nur erfolgreich sein, wenn Wirtschaftlichkeit, Klimaziele und Versorgungssicherheit gemeinsam betrachtet werden. Starres Festhalten an alten Strukturen hilft dabei nicht weiter – wir brauchen einen modernen und systemorientierten Ansatz für ein klimaneutrales Industrieland.“

 Foto: © Mohssen Assanimoghaddam

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