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Als städtisches Unternehmen spielen die Hamburger Energienetze eine zentrale Rolle bei der Erreichung der Klimaziele und treiben die Transformation der Energieversorgung in enger Abstimmung mit der Politik voran. Mit Projekten wie dem geplanten Wasserstoff-Industrienetz positioniert sich Hamburg dabei als Vorreiter der Dekarbonisierung. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle das Gasnetz künftig spielen wird und wie sich das Unternehmen strategisch darauf vorbereitet.
Frau Eggers, die Energieversorgung befindet sich im tiefgreifenden Wandel. Welche Rolle spielt das Hamburger Gasnetz künftig im Kontext von Dekarbonisierung – und wie bereitet sich Ihr Unternehmen strategisch auf diese Transformation vor?
„Hamburgs Klimaziele sind seit Herbst 2025 in der Überarbeitung. Im so genannten „Hamburger Zukunftsentscheid“ hatte sich im Oktober eine knappe Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger per Volksentscheid dafür ausgesprochen, die Klimaneutralität in der Freien und Hansestadt auf 2040 vorzuziehen. Jetzt sind wir als Hamburger Energienetze gemeinsam mit der Hamburger Umweltbehörde im intensiven Austausch darüber, wie sich das wirtschaftlich und – gemäß der Forderung des Zukunftsentscheids – sozialverträglich umsetzen lässt.
Bis Sommer soll auch die kommunale Wärmeplanung der Stadt vorliegen. Sie wird für die Dekarbonisierung der Gebäudewärme den Fokus auf den Ausbau von Fernwärme und elektrische Wärmepumpen legen. Unser Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netz HH-WIN soll hingegen eine Dekarbonisierungsoption für die Hamburger Industrie bieten. Schon 2027 werden wir das Netz in Betrieb nehmen. Das bestehende Niederdruck-Gasnetz wird aus heutiger Sicht in Hamburg keine Rolle bei der Dekarbonisierung spielen – auch nicht bei Haushalten und Kleingewerbe. Dort sieht unsere städtische Politik für die Wärmewende im Wesentlichen Fernwärmeanschlüsse oder Wärmepumpen vor. Sollte eine Wasserstoff-Option auch im Niederdruck-Netz bei uns in Zukunft in den Fokus rücken, haben wir die technische Kompetenz bereits aufgebaut: In zwei Forschungsprojekten haben wir sowohl die Machbarkeit von H2 in der Gebäudeenergie erprobt als auch die Eignung von Verteilnetzkomponenten aus unterschiedlichen Materialien und Baujahren erfolgreich nachgewiesen. Wir sind also auch darauf vorbereitet.“
Der Umbau bestehender Gasinfrastrukturen hin zu wasserstofffähigen Netzen gilt als zentraler Baustein der Energiewende. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Umstellung – und welche wirtschaftlichen sowie regulatorischen Rahmenbedingungen sind aus Ihrer Sicht entscheidend für eine erfolgreiche Transformation?
„Im Kontext der Industrie-Versorgung mit Wasserstoff haben wir dafür bereits praktische Beispiele. So nutzen wir die bestehende Erdgas-Hochdruckleitung eines früheren Gaskraftwerks, um HH-WIN an die Fernleitungen des Wasserstoff-Kernnetzes anzubinden. Hier spart uns die Umwidmung sieben Kilometer Bestandsleitung Bauarbeiten in einem Waldstück in den Harburger Bergen und insgesamt rund 18 Millionen an Baukosten. Auch bei der Querung der Süderelbe mit unserem Wasserstoffnetz werden wir einen bestehenden Erdgas-Düker umwidmen.
Diese Projekte haben aber wenig mit den viel diskutierten Transformationen im Niederdruck-Gasnetz zu tun. Dort sehen wir aktuell noch keine Perspektiven, weil der Wasserstoffhochlauf ja gerade erst beginnt und die Wirtschaftlichkeit in langfristiger Perspektive nicht absehbar ist. Für die Transformation in Hamburg spielt heute die Umstellung von Erdgas auf Wasserstoff ausschließlich bei der Industrie eine Rolle.
Wir haben bei der Errichtung von HH-WIN als Teil des Wasserstoffkernnetzes relativ stabile wirtschaftliche Randbedingungen. Unsere Aufwände werden im Wesentlichen durch eine IPCEI-Förderung und den Kernnetz-Umlagemechanismus finanziert, der mit dem Amortisationskonto abgebildet ist. Anders sieht es bei den von uns zu betreibenden Verbindungsleitungen zu den künftigen Kunden aus. Hier befindet sich der Regulierungsrahmen noch im Aufbau. Uns ist bewusst, dass die Höhe der Netzentgelte ein wesentlicher Faktor für die Akzeptanz von Wasserstoff darstellt. Aber genau wie beim Strom und beim Erdgas ist die spezifische Höhe der Entgelte letztlich auch abhängig von der durchgeleitenden Menge. Hier wird es entscheidend darauf ankommen, wirtschaftliche Anreize für eine Versorgung mit Wasserstoff zu setzen.“
„Hamburg nimmt in vielerlei Hinsicht eine Vorreiterrolle ein, die uns als Unternehmen mit unserer Belegschaft motiviert, die Transformation voranzutreiben.“
Als kaufmännische Geschäftsführerin tragen Sie besondere Verantwortung für Investitionsentscheidungen und Wirtschaftlichkeit. Wie gelingt es, langfristige Infrastrukturprojekte mit den Anforderungen an Effizienz und Stabilität für Kundinnen und Kunden in Einklang zu bringen?
„Aktuell liefern die bereits vorgestellten Eckpunkte des GEG-Nachfolgers Gebäudemodernisierungsgesetz für uns in Hamburg eher verunsichernde Signale. Die Hamburger Politik muss nach Vorlage des Gesetzes erst einmal analysieren, ob damit das im Zukunftsentscheid geforderte Klimaziel überhaupt erreicht werden kann und welcher Spielraum für die städtische Klimapolitik bleibt. Erst wenn dieser Rahmen steht, können wir als Unternehmen unsere Netzinvestitionspläne verbindlich an Zielen ausrichten.
Generell sehen wir hier vor allem beim Stromnetzausbau den großen Investitionsbedarf, denn die elektrische Wärmepumpe und die Elektrifizierung des Verkehrs sind in Hamburg gesetzt. Nun hängt es auch von Entscheidungen in Berlin ab, wie schnell diese Transformation Fahrt aufnimmt oder ob sie möglicherweise sogar ausgebremst wird. Daran geknüpft ist auch die Frage: Wie lange brauchen unsere Hamburger Haushalte das Gasnetz noch? Schon mit Blick auf das bundesweite Klimaziel 2045 nutzen wir bereits jetzt die Instrumentarien der Bundesnetzagentur, um die Transformation so effizient und wirtschaftlich wie möglich zu gestalten.“
Hamburg verfolgt ambitionierte Klimaziele. Welche Bedeutung hat dabei die enge Zusammenarbeit zwischen Netzbetreibern, Politik und Industrie – und wo sehen Sie konkrete Hebel, um den Standort Hamburg als Vorreiter der Energiewende zu positionieren?
„Als städtisches Unternehmen haben die Hamburger Energienetze, ebenso wie das für die Fernwärme zuständige Schwesterunternehmen Hamburger Energiewerke eine ganz zentrale Rolle beim Erreichen der Klimaziele. Entsprechend arbeiten wir in sehr enger Abstimmung mit der Umweltbehörde, die auch unseren Aufsichtsratsvorsitzenden stellt.
Hamburg nimmt in vielerlei Hinsicht eine Vorreiterrolle ein, die uns als Unternehmen mit unserer Belegschaft motiviert, die Transformation voranzutreiben. Der Start unseres Hamburger Wasserstoff-Industrie-Netzes schon im kommenden Jahr steht dafür beispielhaft: Als großer deutscher Wirtschaftsstandort mit Chemie-, Kraftstoff-, Luftfahrt- und Metallindustrie aber auch mit gewaltiger Hafenwirtschaft erhält Hamburg hier die Chance, früher zu dekarbonisieren als an anderen Standorten. Das schafft – ebenso wie eine Reihe von klimafreundlichen Verkehrsprojekten – klare Standortvorteile. Dass wir hier einen wesentlichen Beitrag leisten, macht uns stolz und zuversichtlich.“
Foto: © Hamburger Energienetze