Zentrale Zukunftsthemen der Energiewende

4 Fragen an…

Im BDEW beschäftigt sich Balthasar Kirchgäßner mit zentralen Zukunftsthemen der Energiewende: Der Produktion und dem Import von nachhaltigem Wasserstoff, der Weiterentwicklung von europapolitischen und nationalen Rahmenbedingungen, der Sektorkopplung und der Versorgungssicherheit. Im folgenden Kurzinterview gibt er Einblicke in aktuelle Herausforderungen und Chancen einer klimaneutralen Energiewirtschaft. 

Welche langfristigen Chancen ergeben sich durch den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft für die europäische Industrie und die Gesellschaft? 

Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft bietet Europa die Chance, sich als führender Standort für klimaneutrale Industrieproduktion zu etablieren. Energieintensive Branchen wie Stahl, Chemie und Raffinerien können ihre Prozesse dekarbonisieren und trotz steigender CO₂-Kosten wettbewerbsfähig bleiben. So lassen sich industrielle Wertschöpfung und technologische Kompetenz in Europa sichern und ausbauen. Gleichzeitig entstehen neue Wertschöpfungsketten, von Elektrolyse- und Anlagentechnik über Infrastruktur und Speicher bis hin zu neuen Geschäftsmodellen. Wasserstoff ist damit nicht nur ein Klimaprojekt, sondern ein strategisches Industrieprojekt zur Stärkung der technologischen Souveränität Europas. Auch gesellschaftlich sind die Effekte erheblich: Emissionen werden deutlich reduziert, qualifizierte Arbeitsplätze entstehen, regionale Wirtschaftsräume werden gestärkt und die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten sinkt, was der Energiesouveränität zugute kommt. Bei einem koordinierten Hochlauf kann Wasserstoff Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Stabilität miteinander verbinden.

Worin bestehen die aktuell größten Herausforderungen für die Wasserstoffwirtschaft – besonders mit Blick auf die Rahmenbedingungen? 

Entscheidend sind verlässliche, investitionsfreundliche und praktikable Rahmenbedingungen. Zwar sind die europäischen Ziele ambitioniert und richtig, doch ihre Umsetzung muss handhabbar bleiben. Komplexe oder hinderliche Regulierung, etwa bei den Strombezugskriterien für erneuerbaren oder den weiterhin bestehenden Unsicherheiten bei der Produktion von kohlenstoffarmem Wasserstoff, darf den Markthochlauf gerade in der aktuellen Initial- und Aufbauphase nicht ausbremsen. Der Wasserstoffmarkt steht noch am Anfang, weshalb jetzt besonders klare und praktikable Rahmenbedingungen erforderlich sind. Unternehmen brauchen frühzeitig Planungssicherheit sowie wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle, damit Investitionen angestoßen und skaliert werden können. Zudem müssen Erzeugung, Infrastruktur, Importstrategien und Nachfrage synchron wachsen. Verzögerungen in einzelnen Bereichen gefährden die gesamte Wertschöpfungskette. Daher sind schnellere Genehmigungen, praxisnahe Regelungen und technologieoffene Ansätze zentral, um Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit in Einklang zu bringen.

„Ein globaler Wasserstoffmarkt ist ohne internationale Kooperation nicht denkbar.“

Welche Bedeutung hat internationale Zusammenarbeit für die Entwicklung eines globalen Wasserstoffmarktes? 

Ein globaler Wasserstoffmarkt ist ohne internationale Kooperation nicht denkbar. Länder mit sehr guten Bedingungen für Solar- und Windenergie können erneuerbaren Wasserstoff, etwa in Form von Ammoniak, exportieren, während gleichzeitig auch kohlenstoffarmer Wasserstoff eine wichtige Rolle in der Aufbauphase spielt. Europa bringt dabei industrielle Nachfrage, Technologiekompetenz sowie klare Klimaziele ein und ist auf verlässliche internationale Partnerschaften entlang beider Wasserstoffpfade angewiesen. Gemeinsame Standards, abgestimmte Zertifizierungssysteme sowie koordinierte Infrastruktur- und Importkorridore sind entscheidend für stabile Handelsströme. Solche Partnerschaften stärken die europäische Versorgungssicherheit, fördern wirtschaftliche Entwicklung in Partnerländern und beschleunigen den globalen Klimaschutz.

Was stimmt Sie persönlich besonders optimistisch in Bezug auf die Energiewende und den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft? 

Optimistisch stimmt mich, dass aus Strategien zunehmend konkrete Umsetzung wird, neue Technologien entstehen und zentrale Infrastrukturen wie das Wasserstoff-Kernnetz aufgebaut werden, auch wenn Investitionsentscheidungen derzeit vielfach noch unter schwierigen Rahmenbedingungen getroffen werden müssen und sich deswegen häufig verzögern. Zugleich wächst entlang der gesamten Wertschöpfungskette das Verständnis, dass Produktion, Transport, Handel und Nachfrage eng verzahnt sein müssen. Wenn Industrie, Energiewirtschaft und Politik gemeinsam Verantwortung übernehmen, kann sich Wasserstoff vom Zukunftskonzept zu einem tragfähigen Markt entwickeln, der wirksam zum Klimaschutz beiträgt.“

Ansprechpartner

Illustration: André Gottschalk

Im BDEW beschäftigt sich Balthasar Kirchgäßner mit zentralen Zukunftsthemen der Energiewende.
Gabriele Eggers, Kaufm. Geschäftsführerin, Hamburger Energienetze GmbH im Interview.
Interaktiv und plastisch die Energie- und Wasserversorgung einer Stadt erleben.
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